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  • Europas Fußball und die Diktatur

    Kategorie: Politik | 27.04.2012 | Keine Kommentare

    Aus Protest gegen die unmenschliche Behandlung von Julia Timoschenko durch ihren Nachfolger Janukovich fährt Borussia Dortmunds Geschäftsführer Watzke nicht zur Fußball-Europameisterschaft. Vermutlich juckt Watzkes Geste den Diktator herzlich wenig. Aber Watzke verhält sich allemal anständiger als der Rennfahrer Vettel, dem sein Reifendruck demonstrativ wichtiger war als das Unterdrücker-Regime in Bahrain.

    Nebenbei räumt Watzke auf mit der Legende vom angeblich unpolitischen Sport. Allein die Vergabe der EM in die Ukraine war eine politische Entscheidung, weshalb auch ausgemachter Unsinn ist, wenn Uefa-Präsident Platini zu Timoschenko schweigt, weil die Uefa keine politische Organisation sei.

    Nun will Janukovich die Fußball-Festspiele nutzen. Die Ukraine soll als Land der Völkerverständigung dastehen. Ein Boykott hilft nichts, schon der gegen Olympia 1980 in Moskau wegen des Afghanistan-Einmarsches der Sowjetunion verpuffte. Aber weshalb sollten Spieler und Funktionäre keine politische Meinung haben? Weshalb sollten sie schweigen? Für eine Demokratur ist ein sportliches Großereignis Chance und Gefahr zugleich. Es wären viel weniger Bilder der Opposition aus Bahrain gezeigt worden ohne das Rennen. Der Westen kann seine Chance nutzen, er darf sich halt nur nicht seinen Schneid abkaufen lassen.

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  • Geld oder Liebe, Señor Raúl?

    Kategorie: Politik | 20.04.2012 | Keine Kommentare

    Ganz am Anfang, da hatten die Schalke-Fans Fragen an Raúl: Kommt da ein womöglich abgehalfterter Legionär? Tanzt auf dem Rasen jetzt eine teamunfähige, selbstverliebte Primadonna?

    Nach zwei Jahren bei den “Königsblauen” verlässt der spanische Superstar Raúl den FC Schalke 04, die Bundesliga und den europäischen Fußball-Markt.
    Raúl hat die Fragen beantwortet. Schnell war klar: Der will wirklich nur eins: Fußball spielen, und das meisterlich. Da ist einer gekommen, der sich reinhängt. Einer für alle. Dafür haben die Schalker Fans ihm alles gegeben, ihren Respekt und ihre Verehrung. Sie haben Raúl spüren lassen, dass er so ist, wie sie sich einen Schalker wünschen. Rauuuuuul, das wurde zum Fan-Klassiker nach dem Spiel. Regelmäßige Gänsehaut-Momente. Selbst, dass er nach Düsseldorf zog, haben sie ihm nachgesehen.

    Raúl gehorcht den kühlen Gesetzen der Branche
    Jetzt wünschen sie ihm alles Gute, die dankbaren Fans. Aber was denken sie morgen, übermorgen? Wir waren ihm treu. Und er – wie hat er unsere Treue vergolten? Und dann: Raúl ist 34 Jahre alt und verfügt über ein wohl ein dreistelliges Millionenkonto. Weshalb im sportlichen Sonnenuntergang noch mehr Geld wollen, wenn man doch so viel Liebe haben kann?

    Dass Raúl nun geht und Schalke ihn auch nicht hielt, liegt das einfach nur an der routinemäßigen Einübung der kalten Branchen-Gesetze? Es gibt noch hoffnungslose Romantiker. Solche, die sich verwundert fragen, was Manuel Neuer da treibt. Mit dem falschen Trikot an.

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  • Beute für Piraten

    Kategorie: Politik | 17.04.2012 | Keine Kommentare

     

    Union, SPD und FDP haben ihren Versuch gestoppt, Freidenkern die Redezeit im Parlament zu kappen. So klug das ist – schon der Versuch von Zensur war dumm.

    Man muss einige Worte verlieren über Parlamentarische Geschäftsführer. Sie agieren nicht auf, sondern hinter der Bühne. Sie organisieren Mehrheiten. Ohne Mehrheiten keine Entscheidungen. Geschäftsführer sind die Kulissenschieber der Macht.

    Wer für die Macht zuständig ist, schätzt Meinungsfreiheit nur insoweit, als sie für die besten Argumente sorgt, um die eigene, die Mehrheitsmeinung zu stärken. Geschäftsführer sind Kontrollfreaks. Gerät eine Meinung außer Kontrolle, muss sie bekämpft werden. Das dient dann der „Funktionsfähigkeit des Parlaments“. Insofern waren die Freunde der Zensur wenigstens ehrlich.

    Und es ist ja auch wahr: Im Parlament wird das Recht auf Rede auf vielfältige Weise geregelt. Völlige Freiheit des Wortes herrscht hier nicht, kann auch nicht herrschen. Aber gerade weil das so ist, muss man den Mut, von der Mehrheit abzuweichen, belohnen und nicht bestrafen. Diesen Fehler haben die Etablierten nun korrigiert. Die Piraten, diese Anti-Etablierten, werden trotzdem jubeln.

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  • Günther Grass mit letzter Tinte

    Kategorie: Politik | 16.04.2012 | Keine Kommentare

    Die Nazis unterwarfen 1933/34 die deutsche Gesellschaft ihrer völkischen Ideologie. Wer eine andere Meinung vertrat als die von Blut und Boden, der Überlegenheit der deutschen Rasse und der Verderbtheit der Ju- den, musste mit Verfolgung rechnen. Viele wurden ermordet. Die Nazis nannten dies „Gleichschaltung“.

    Was meint Herr Grass, wenn er seinen Kritikern, also nahezu allen Kommentatoren und beinahe allen Politikern mit Ausnahme solcher von der Linkspartei und der NPD, Gleichschaltung vorhält? Hält er sie für Nazis?

    Herr Grass spricht von „Nibelungentreue“ gegenüber Israel. Weshalb diese historisch belastete Wortwahl? Es geht nicht um kri- tiklose Gefolgschaft, sondern darum, dass das Eintreten für das Existenzrecht Israels als Lehre aus dem Holocaust deutsche Staatsräson ist. Will Herr Grass das nicht mehr?

    Herr Grass behauptet, seine Kritiker hätten sich nicht mit seinen Argumenten auseinandergesetzt. Hat der Literat nichts gelesen? Seine Kritiker haben Grass doch die unverdiente Ehre erwiesen, sich mit allen auch noch so abstrusen Argumenten auseinanderzusetzen. Ein alter Mann, der früher einen Weltruf genoss, verspielt mit „letzter Tinte“ alles. Welch ein Stoff für ein Gedicht.

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  • Günter Grass’ Ansichten sind skandalös und antisemitisch

    Kategorie: Politik | 04.04.2012 | 1 Kommentar

    Der deutsche Literaturnobelpreisträger Günter Grass hält Israel vor, mit Hilfe seiner Atomwaffen und Unterstützung der Bundesregierung den Weltfrieden zu gefährden. Einen entsprechenden Text veröffentlichte Grass nicht nur in der Süddeutschen Zeitung, sondern in den führenden Blättern der USA, Spaniens und Italiens.

    Es geht dem Dichter also nicht um Dichtung, die Ausübung von Kunstfreiheit, es geht ihm um Politik. Grass will auch nicht provozieren, er meint ernst, was er schreibt. Man kommt also nicht daran vorbei, ihn ernst zu nehmen.

    Grass behauptet, Israel gefährde den Weltfrieden
    Grass dichtet nicht, er stammelt. Seine Haltung ist nicht souverän, sondern weinerlich. Grass’ Ansichten sind skandalös. Und sie sind antisemitisch, weil sie unterstellen, wer Kritik an Israels Politik übe, werde stets als Antisemit rhetorisch totgeschlagen. Dass das so sei, behaupten aber nur Antisemiten. Nirgendwo wird mehr ernsthaft gestritten über israelische Politik als in Israel selbst.

    Grass behauptet, indem Israel den Iran bedrohe, gefährde es den Weltfrieden. Das Gegenteil ist wahr. Iran bedroht mit seiner Atombombenplänen den Frieden, denn der Führer dieser Regierung leugnet nicht nur den Holocaust, sondern will Israel von der Landkarte tilgen. Grass ignoriert das schlichtweg. Das ist unfassbar und unwürdig.

    “Maulheld” ist eine Verharmlosung des iranischen Präsidenten
    Stattdessen nennt der Dichter Irans Präsidenten Ahmadinedschad einen „Maulhelden“. Was für eine Verharmlosung für jemanden, der sein Volk unterdrückt und einem anderen Land aus im Kern rassistischen Gründen den Krieg erklären will. Kaum zu ertragen ist Grass Anklage, der Westen verhalte sich heuchlerisch. Wie heuchlerisch hat sich über Jahrzehnte das ehemalige Mitglied der Waffen-SS denn bitte verhalten?

    Der Autor Henryk Broder, durchaus ein Freund des Säbels, erinnert an ein Interview von Grass, das zehn Jahre alt ist. Gefragt nach dem Holocaust erinnerte Grass an die deutschen Soldaten in russischer Kriegsgefangenschaft – acht Millionen, von denen „vielleicht zwei Millionen“ überlebt hätten.

    Grass ist isoliert, die Kritik an ihm ist einhellig
    Sechs Millionen getötete Juden, sechs Millionen getötete deutsche Soldaten, auf diese Analogie sei es Grass angekommen, so Broder. Bleibt unter dem Strich eine Null.

    Fazit: Die Debatte hat auch ihr Gutes. Grass ist isoliert, die Kritik an ihm ist einhellig. An Israels Politik gibt es viel zu kritisieren. Aber einen Kritiker wie Grass, der offenbar nur seine eigene Vergangenheit bewältigt, hat Israel nicht verdient.

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  • Die Piraten, die Freiheit und wir

    Kategorie: Politik | 02.04.2012 | Keine Kommentare

    Die Piraten treibt gerade eine steife Brise voran. Bei neun Prozent sehen jüngste Umfragen die Partei. Doch die Freiheit, die die Piraten antreibt, ist eine reine Konsumentenfreiheit. Mit der anderen Seite, die die Knete bezahlen muss, beschäftigen sich die Piraten nicht. Eine Analyse.

    Vielleicht hat aber der Begriff von Freiheit, den sich die Piraten machen, etwas Schmarotzerhaftes, vielleicht wulffen die Piraten auch einfach nur. Sie wollen das Urheberrecht faktisch abschaffen, weil die „Kopierbarkeit von digital vorliegenden Werken“ sich technisch nicht sinnvoll einschränken lasse. Das Urheberrecht ist als Idee jetzt schon weit über 200 Jahre alt. Es dient dazu, die Kunst zu schützen vor dem Plagiat. Ohne Urheberrecht hätte aus Guttenberg kein Täter werden können. Vielleicht kann, muss man feststellen: Ohne Urheberrecht keine Kunst.

    Die Abwesenheit von Kunst heißt RTL II. Die bloße Bestätigung des Bestellten. Die Abwesenheit von Kunst, so hat es Julia Franck der Süddeutschen Zeitung gesagt, führe in die Barbarei.

    Piraten wollen das Kopieren nicht verbieten, sondern erleichtern
    Das Recht am eigenen Bild, eigener Sprache, eigenem Sound: Es sorgt für einen Preis. Im Internet hat derlei plötzlich keinen Preis mehr. Die Piraten sind die Internetpartei. Sie sind Internetpartei aber damit auch dort, wo das Internet zerstörerisch wirkt, indem es keinen Preis abverlangt. Alles für alle. Ohne Knete. Das ist die Umsonst-Kultur. Die Umsonst-Perversion. Die Piraten wollen das Kopieren, da sind sie folgerichtig, nicht verbieten, sie wollen es vielmehr: erleichtern. Das ist für sie Freiheit. Darüber lohnt es sich zu streiten. Freiheit für wen?

    Freiheit, wie sie die Piraten meinen, ist eine reine Konsumentenfreiheit. Eine Konsumentenfreiheit, die sich um die Freiheit der Produzenten nicht schert. Die Piraten treiben die Konsumentenfreiheit auf die Spitze. Geiz ist geil. Nichts bezahlen ist noch geiler. Sollen wir das wirklich wollen? Weshalb macht Sven Regener mit dem Wutausbruch gegen die Piraten in Künstlerkreisen eine derartige Furore? Weshalb bewundern ihn so viele seiner Schriftsteller- und Musiker-Kollegen? Weil er ihnen aus der Seele gewütet hat. Weil er sich öffentlich fühlte, als hätten ihm die Piraten „ins Gesicht gepinkelt“ mit ihrer verächtlichen Rechtfertigung des Raubens von künstlerischem Eigentum im Namen der Freiheit im Netz.

    Die Frage nach der Finanzierung stellen die Piraten nicht
    Die Piraten verlangen ein bedingungsloses Grundeinkommen für jeden. Sie finden das liberal, weil sie es für liberal halten, dass der Staat jedem die auch finanzielle Möglichkeit einräumen muss, nach seiner Facon selig zu werden. Die Frage, wer das bezahlen soll, stellen sie nicht. Genau so ist es auch mit dem Urheberrecht. Wenn künstlerische Leistung nichts mehr kosten darf, weil liberal sein soll, dass jedermann ein Anrecht haben soll auf gebührenfreie Kunst, wovon lebt denn dann der Künstler?

    Von der Werbung, lautet die Piraten-Devise. Ist der Künstler nämlich gut genug, kann er für sein im Internet an die Konsumenten kostenlos weitergegebenes Werk doch Werbung machen und dafür kassieren. Na prima. Dann wird aus schöpferischer Kunst das, für das man Werbegelder kassieren kann. Es wäre vielleicht nicht das Ende von Kunst. Aber das Ende von Kunst, wie wir sie kennen. Sollen wir das wollen?

    Die Piraten haben mit ihrer Haltung und ihrem coolen Namen einen Nerv getroffen. Die sogenannten etablierten Parteien reagieren, wie schön ironisch, mit hilfloser Kopie. Wie wäre es mal mit herzhafter Gegenwehr? Zum Beispiel mit dem Argument, dass wir uns von ihnen die deutsche Wirtschaftswunder-Erfahrung von Leistung und Gegenleistung nicht madig machen lassen. Sie sind nicht im Recht. Wir sind es.

    Die Piraten sind nach ihrem Wahlerfolg im Saarland auch bundesweit weiter im Aufwind: In einer Umfrage des Emnid-Instituts für Bild am Sonntag verbessert sich die Partei im Vergleich zur Vorwoche um zwei Prozentpunkte auf jetzt neun Prozent. Die Zustimmung in der Bevölkerung für das rot-grüne Lager hingegen fällt. So verschlechtern sich die Sozialdemokraten im Vergleich zur Vorwoche um einen Punkt auf jetzt 27 Prozent. Die Grünen, Wunschkoalitionspartner der SPD für die Bundestagswahl 2013, verlieren zwei Prozentpunkte und kommen auf nur noch 13 Prozent. Für die Öko-Partei ist das der niedrigste Wert seit Februar 2010. Eine eigene rot-grüne Mehrheit rückt damit in weite Ferne.

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  • Ossis-Städte, Wessi-Städte…

    Kategorie: Politik | 26.03.2012 | Keine Kommentare

    Eine SPD, die sich aufs Spalten verlegt statt aufs Versöhnen, ist zumindest mal eine neue Erfahrung. Keine gute. Wenn Ruhrgebietsstädte ihre schwierige Haushaltslage mit den Zahlungen an die Städte im ­Osten Deutschlands begründen, ist das nicht nur oberflächlich, wie dies Wolfgang Thierse seinen eigenen Parteifreunden bescheinigt hat, es ist auch falsch. Und instinktlos.

    Richtig wäre eine ernsthafte Diskussion über die hoch verschuldeten Städte. Richtig wäre, nachzudenken, wie sie von ihren Zinslasten herunter kommen, die sie erdrücken.

    Richtig wäre, über die Lastenverteilung ­zwischen Bund, Ländern und Gemeinden nachzudenken. Und richtig wäre es, hier einen Neuanfang zu machen, weil der Bund beschließt, was hinterher die Städte bezahlen sollen, aber nicht bezahlen können.

    Eine seriöse Diskussion über all das ist natürlich nicht sexy. Deshalb hat sich die NRW-Ministerpräsidentin entschieden, aus dem sperrigen Thema einen Wahlkampfschlager zu machen. Im Wahlkampf wird geholzt und die Wahrheit bleibt auf der Strecke.

    Der ­Slogan, jetzt ist auch mal der Westen dran, hält der Wirklichkeit nicht stand. Darauf ­haben ihre ostdeutschen Genossen Hanne­lore Kraft und die Revier-Oberbürgermeister auch umgehend hingewiesen. Die Kommunen im Osten erreichen nur 70 Prozent der Wirtschaftsleistung von Revier-Städten, und Essen ist immer noch weitaus besser dran als Dresden oder Leipzig.

    Aus diesem Grund läuft auch die Parole, die Wirtschaftsförderung nach Bedürftigkeit und nicht nach Himmelsrichtung auszurichten, ins Leere. Vermutlich würde sich wenig bis nichts ändern.

    Das Ganze ist ein durchsichtiges Sündenbock-Manöver. An dem sich aus diesem Grund der SPD-Vorsitzende nicht beteiligt. Ginge er in diese Falle, die SPD könnte gleich ihren gesamtdeutschen Anspruch aufgeben.

    Schädlich ist die Debatte auch, weil sie falsche Erwartungen weckt. Die Ver­teilung der Gelder zwischen Ost und West ist im Solidarpakt II bis 2019 festgelegt. Änderungen an dem komplexen Vertragswerk sind unrealistisch. Und denjenigen, die einen Ruhr-Soli in die Debatte gebracht haben, muss man sagen, dass es den schon gibt. Die Steinkohle-Subventionen laufen bis 2018.

    Fazit: Diese Diskussion verträgt keinen Populismus, weil sie so viel Spalter-Potenzial in sich trägt. Sie muss seriös geführt werden. Joachim Gauck wäre als Staatsoberhaupt aus dem Osten der richtige ­Moderator. Belehrungen aus dem Revier braucht er dafür nicht.

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  • Röttgen hat sich verzockt

    Kategorie: Politik | 26.03.2012 | Keine Kommentare

    Vieles läuft für Norbert Röttgen dumm. Die Bundesversammlung zum Beispiel. Dort wird nicht nur der Bundespräsident gewählt. Wer dort ist, nutzt die Chance, mit dem (Partei)freund mal ausgiebig zu reden. Über Nordrhein-Westfalen zum Beispiel. Und die Neuwahl. Und eben über Norbert Röttgen.

    Auf der Bundesversammlung fand sich nun aber wiederum niemand von Rang, der Verständnis dafür hat, was der CDU-Herausforderer von Amtsinhaberin Hannelore Kraft plant, nämlich offen zu halten, ob er für Berlin steht oder für Düsseldorf. Die Hessen und die Baden-Württemberger, die Schleswig-Holsteiner und der ganze Rest: Man war sich einig, dass dieses Eiern der direkte Weg in die Katastrophe ist.

    Norbert Röttgen will sich die Ambitionen nicht versauen lassen
    Röttgen will sich durch die Aussicht auf eine Karriere als Oppositionschef in Düsseldorf seine ehrgeizigen Ambitionen nicht versauen lassen, dereinst Angela Merkel zu beerben. Nach allem, was man so hört aus der CDU, kann er das jetzt schon vergessen. Würden die Schwarzen jetzt ihre Parteispitze neu wählen, Röttgen könnte nicht einmal davon träumen, noch einmal das beste Stellvertreter-Ergebnis zu holen.

    Der Spitzenmann hat sich verspekuliert als er glaubte, sein Taktieren werde für ihn selbst folgenlos bleiben. Er hat die simple Volksweisheit verdrängt: In Gefahr und großer Not, bringt der Mittelweg den Tod.

    Norbert Röttgen läuft Gefahr, wie Norbert Blüm zu scheitern
    Weshalb ist es so wichtig, dass jemand einen politischen Spitzenjob – übrigens ist auch Oppositionsführer ein Spitzenjob – schon von der Bezahlung her (doppelte Diät), mit ganzer Leidenschaft angeht? Weil das eine Selbstverständlichkeit ist. Weil, wer dagegen verstößt, verliert.

    Norbert Blüm hatte die Wahl 1990 in dem Moment verloren, als er ankündigte, in jedem Fall Arbeitsminister bleiben zu wollen. Weil in der Politik vor allem Glaubwürdigkeit zählt, gerade in diesen Zeiten, in denen alle Welt Parteipolitikern nachsagt, die dächten nur an sich.

    Weil, wer die Karriere über die Erwartungen der Partei stellt, ohne die er nicht wäre, wo er ist, von bürgerlichen Werten wie Verlässlichkeit etwa, nicht mehr reden kann. Und schließlich, weil man bei der FDP studieren kann, wie man es macht. Landeschef Bahr entscheidet, dass er lieber Gesundheitsminister in Berlin bleibt, und ein anderer, Lindner, wird Spitzenkandidat. So könnte Röttgen sich ja auch entscheiden.

    Fazit: Am 19. August 2010 sagte Röttgen in der WAZ, er stehe auch als Oppositionschef zur Verfügung. Sagt er heute etwas anderes, braucht er gar nicht erst anzutreten.

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  • Und jetzt ein Neuanfang

    Kategorie: Politik | 26.03.2012 | Keine Kommentare

    Auf die Bundeswehr ist Verlass. Auf das krawallige Berlin leider aber auch. Falls Christian Wulff dem ohnehin gespannten Verhältnis zwischen Volk und Politik geschadet haben sollte, dann kann jetzt, von heute an, mit der Reparatur begonnen werden. Joachim Gauck hat als wahrscheinlich neuer Bundespräsident alle Chancen, wieder zu richten, was in ein schiefes Verhältnis geraten ist. Sein Glück heißt Wulff, der die Latte für seinen Nachfolger hinreichend niedrig gelegt hat.

    Die Demokratie lebt von der Verlässlichkeit ihrer Institutionen. Deshalb war es richtig, den antik anmutenden Großen Zapfenstreich zu veranstalten, Wulff zum Trotz. Denn der würdige Rahmen gebührt dem höchsten Staatsamt, nicht der Person, die es nicht ausgefüllt hat. Manchmal ist man für Selbstverständlichkeiten dankbar, etwa dafür, dass die Soldaten unverdrossen ihre Pflicht getan haben, sich nichts anmerken ließen.
    Die Affäre Wulff ist nicht zu Ende, ebenso wenig wie die Diskussion über den Ehrensold. Der heißt so, weil die Verfassungsväter und -mütter sich niemals hätten träumen lassen, dass sich irgendwann einmal ein Staatsoberhaupt dieser patriotischen Versorgung als unwürdig erweisen würde. Es darf aber nicht mehr vorkommen, dass das Präsidialamt darüber bestimmt, in diesem krassen Fall auch noch ein Günstling von Wulff.

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  • Die Kandidaten, die Bürgerrechtler

    Kategorie: Politik | 26.03.2012 | Keine Kommentare

    Ein Bürgerrechtler wirft Beate Klarsfeld Stasi-Kontakte vor. Ein anderer Bürger- rechtler warnt vor Joachim Gauck, weil der gar kein richtiger Bürgerrechtler gewesen sei. Seltsam, das alles. Und unappetitlich.
    Klarsfeld ist eine verdiente Nazi-Jägerin. Man darf unterstellen, dass sie bei ihrer schwierigen Aufgabe mit Geheimdiensten zusammengearbeitet hat. Nationalsozialisten hatten sich nach dem Untergang des so ge- nannten Dritten Reiches überall auf der Welt versteckt. So gut, dass man nicht mal eben die Polizei vorbei schicken konnte. Weshalb sollte sich Klarsfeld nicht der Informationen der DDR-Auslandsaufklärung bedienen? Sie wurde doch dadurch nicht zur Komplizin eines Unterdrückerstaates.
    Gauck war kein Widerstandskämpfer, der schon Anfang der achtziger Jahre mit Pisto- len oder Parolen gegen die DDR gearbeitet hätte. Gauck war nicht Biermann. Er behauptet das aber auch nicht. Jedenfalls hat Gauck dann vor dem verdienten Untergang der DDR 1989 die friedliche Revolution mit- organisiert und ihr eine Stimme gegeben.
    „Die“ Bürgerrechtler gab es nicht. Es gab keine einheitliche Organisation, Mitglieds- ausweis inklusive. Es war in der DDR anders als in Polen, wo sich patriotisch-christlich gesinnte Gewerkschafter gegen das Regime organisierten. Die Opposition in der DDR war klein, ihre Motive drifteten auseinander. Anfangs hielten die allerwenigsten Oppositio- nellen die DDR für einen Irrtum. Sie woll- ten, wie Gauck, das Land von innen refor- mieren. Eine Revolution wollten die wenigsten von ihnen, und dann auch erst, als aus „Wir sind das Volk“ „Wir sind ein Volk“ geworden war, nach der Volkskammerwahl im März 1990 und der Währungsunion.
    Das Neue Forum, in dem auch Gauck sich engagierte, war gegen die deutsche Einheit, schon gar gegen den so genannten „Anschluss“. Als ob es, wenn eine große Demo- kratie mit einer kleinen Diktatur zusammenkommt, etwas anderes geben könnte – wobei man nicht vergessen darf, dass auch eine Reihe prominenter Westdeutscher für eine Staats-Neugründung nach Grundgesetz-Artikel 146 war und gegen einen Beitritt nach Artikel 23.
    Fazit: Über die meisten Bürgerrechtler, die vielen Pfarrer, ist die Zeit hinweggegangen. Sie sind vergessen, manche hadern damit. Joachim Gauck ist nicht Geschichte, sondern Zukunft. Das erklärt die Angriffe von gestern.

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Ulrich Reitz ist Chefredakteur der WAZ.



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